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Wissen und Rechte

Wege ins Wissenschaftslektorat

Wir stellen berufliche Wege ins Wissenschaftslektorat vor: Praktikum und Volontariat, freies Lektorat.

Geisteswissenschaftlichen Studiengängen hängt der Ruf nach, mit ihrem Abschluss später einmal schwer einen Beruf zu finden. Das liegt vielleicht weniger daran, dass die Inhalte oder vermittelten Fertigkeiten aus Fächern wie Germanistik, Theologie oder Kunstgeschichte zu wenig mit dem wirklichen Leben zu tun haben. Mit dem Abschluss eines Masterstudiums verfügen Absolvent*innen schließlich über ein vertieftes kulturhistorisches Wissen. Oft sprechen sie gleich mehrere Fremdsprachen und haben gelernt, komplexe Sachzusammenhänge zu verstehen und zu analysieren. Dass sich das Vorurteil der „brotlosen Kunst“ weiterhin hält, mag vielmehr daran liegen, dass viele „kleine“ Fächer keinem klar definierten Berufstand zuzuordnen sind, wie es beispielsweise bei Medizin oder Jura der Fall ist. Vielmehr bereiten diese Fächer ihre Kandidat*innen explizit auf eine wissenschaftliche Laufbahn vor. Längst nicht jede*r entscheidet sich für diesen Weg. Welche Möglichkeiten gibt es also darüber hinaus, im Umfeld der Wissenschaft zu arbeiten?

Ein Beispiel ist die Arbeit im Verlagswesen. Die Texte, mit denen Geisteswissenschaftler*innen arbeiten, erscheinen schließlich in großen und kleinen Verlagshäusern. Als Übersetzungen, als Neu- und Wiederauflagen. Traumberuf Wissenschaftslektorat! Doch: Was genau ist das und wie kommt man dorthin?

Wir zeigen euch verschiedene Wege auf. Dabei ist uns erneut klar geworden, dass unter dem Schlagwort Lektorat eine Vielzahl an Tätigkeiten zusammenfallen und sich der Beruf des*r Lektor*in in Verlagshäusern stark von freien Lektoratstätigkeiten unterscheidet. Denn während Erstere zunehmend Projektakquise und -management betreiben, arbeiten Letztere oft „klassisch“ an Argument, Stil und Grammatik eines Textes.

Praktikum im Verlag

Praktika helfen, temporär einen Einblick in ein bestimmtes Berufsfeld zu erlangen, einen ersten Überblick über die notwendigen Fertigkeiten zu bekommen und – vielleicht am wichtigsten – Kontakte aufzubauen. Praktika werden zudem oft von Verlagshäusern als Mindestanforderung für ein späteres Volontariat oder eine Mitarbeit vorausgesetzt. Informiert euch und sprecht mit Gleichgesinnten. Ein Praktikum sollte inhaltliche Einblicke, Wissen über Verlagssoftware und Verwaltungsabläufe vermitteln. Außerdem sollte Verantwortung in der Produktion von Literatur vermittelt werden. Insbesondere kleinere Verlage können oft keine Vergütung anbieten, sind jedoch für jeden Handgriff von Praktikant*innen dankbar. Sind die ersten Schritte Routine geworden, sprecht eure Vertrauensperson im Verlag darauf an, welche Ziele, Vorstellungen und Wünsche ihr an dieses Praktikum habt. Macht deutlich, welchen Beitrag ihr – unbezahlt – im Verlag leistet: Als Gegenleistung erhaltet ihr beispielsweise Einblicke in die enge Arbeit am Text, die Gestaltung des Covers oder die Vorbereitung von Lesungen und anderen Veranstaltungen.

Praktika vermitteln Netzwerke! Für den Eintritt ins Verlagswesen ist das unabdingbar. Die Verlagsbranche in Deutschland kennt sich. Zentrale Buchmessen in Frankfurt und Leipzig bringen alle diejenigen zusammen, die irgendwas mit Büchern machen. Auf dem neuesten Stand bleibt ihr durch das Börsenblatt. Das Fachmagazin der Buchbranche. Auch ein Beitritt in eine Gewerkschaft während des Studiums ist eine gute Gelegenheit, um über die Entwicklungen in Verlagswesen und den Medien auf dem Laufenden zu bleiben. Die monatlichen Mitgliedszeitungen informieren über Neuigkeiten, Tariferfolge und den digitalen Wandel. Seid ihr Studierende, zahlt ihr zudem nur einen geringen Mitgliedsbeitrag von 2,50 Euro im Monat.

Volontariat im Verlagswesen

Der traditionelle Weg ins Wissenschaftslektorat findet nach wie vor über ein Volontariat statt. Ein Volontariat ist ein zeitlich befristetes Anstellungsverhältnis mit Ausbildungscharakter. Da es jedoch keinen gesetzlichen Standard gibt, fluktuieren Aufwandsentschädigung, Arbeitsaufgaben und Verantwortung stark innerhalb der unterschiedlichen Betriebe. Der Verein Junge Verlags- und Medienmenschen e. V. ist mit über 800 Mitgliedern in 13 Städtegruppen der größte Nachwuchsverein der Buch- und Medienbranche und streitet für faire Arbeitsbedingungen, angemessene Gehälter und eine aktive Nachwuchsförderung. Um positive Entwicklungen herauszustellen hat der Verein ein Gütesiegel erarbeitet, auf das sich Verlage bewerben oder für das Volontär*innen ihren Arbeitgeber vorschlagen können. Der dafür auszufüllende Fragebogen ist in Abstimmung mit der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) entstanden und fragt ab, ob euch eine feste Ansprechperson zugewiesen, ob ein fester Arbeitsplatz eingerichtet und eine Überstundenregelung gegeben ist. Außerdem wird gefragt, ob das Volontariat fair bezahlt wird – ein Aspekt, für den sich der Verein bei einer vergleichbaren Vergütung der Volontär*innen bei Tageszeitungen orientiert: 1.911 € im ersten und 2.216 € im zweiten Ausbildungsjahr. Schließlich steht zur Frage, ob ein Ausbildungsplan vorhanden ist. Der Ausbildungsplan sollte alle notwendigen Tätigkeitsfelder im Wissenschaftslektorat abdecken und festhalten, was in den 12 bis 24 Monaten vermittelt werden soll. Anhand dieses Plans sollte sukzessive mehr Projektverantwortung an euch übergeben werden. Schritt für Schritt sollte an die Arbeitsabläufe herangeführt werden: von der Einschätzung des Manuskriptangebots, der Kalkulation, zur Vorbereitung des Manuskripts für die Herstellung bis zur Projektakquise. Der Ausbildungsplan sollte in regelmäßigen Abständen Fortschrittsgespräche enthalten, um das gelernte Handwerk zu reflektieren und Raum für Rückfragen zu bieten. Auch wenn es nur bei einer mündlichen Absprache zwischen euch und eurer Ansprechperson im Verlag bleibt, sprecht den Plan zu Beginn an, denn gemeinsam gestalten wir die Zukunft in der Branche! Der Ausbildungscharakter des Volontariats enthält außerdem die Idee, möglichst viele Abteilungen zu durchlaufen, d.h. euch neben dem Lektorat Einblicke in die Arbeit der Pressestelle, die Tätigkeiten im Bereich Marketing, des Vertriebs oder der Herstellung zu geben.

Wissenschaftsverlage veröffentlichen nicht selten eine dreistellige Zahl an Büchern pro Jahr. Hier weicht die Arbeit im Lektorat den Aufgaben des Projektmanagements. Anstelle der genauen Arbeit am Text bestimmen hier Programmplanung und Wissensverwaltung den Arbeitsalltag. Wissenschaftsverlage setzen zudem auf internationale Sichtbarkeit; technisches Wissen zu Open Access (freiem Zugang), Forschungs- und Metadatenmanagement ist zunehmend gefragt. Die vielleicht träge anmutende Arbeit mit Content Management Systemen (also der verlagsinternen Organisationssoftware) ist etwas, das zunehmend wichtiger wird im Verlagswesen und deren Kenntnis aus einem Praktikum ein Distinktionsmerkmal bei einem Vorstellungsgespräch sein kann.

Neben Praktika ist die Mitarbeit am Lehrstuhl eine gute Gelegenheit, editorische Erfahrungen zu sammeln, die den Weg in ein Wissenschaftsvolontariat eröffnen können. Beispielhaft dafür stehen Literaturrecherche für das nächste Semester, Korrektorate einer Publikation für eure*n Professor*in oder gar selbst das Lektorat eines Sammelbandes. In der Arbeit kommen dann explizit editorische Aufgaben auf euch zu, die z. T. direkt auf die Arbeit im Lektorat eines Verlags übertragen werden können. So fällt euch vielleicht die Kommunikation und Koordination mit den Beiträger*innen des Publikationsprojekts zu; sicher werdet ihr jedoch die eingereichten Aufsätze Korrektur lesen und die Quellen überprüfen müssen. Ab- und Rücksprache könnt ihr mit eurer*m Professor*in halten. Auch die Mitwirkung bei der Organisation einer Tagung stellt eine gute Gelegenheit dar, Kontakte zu Autor*innen in der Wissenschaft zu knüpfen, mit denen ihr bei einem Vorstellungsgespräch im Verlagswesen punkten könnt.

Freies Lektorat

Willkommen im Dschungel! Wer schon einmal mit dem Gedanken gespielt hat, seine Hilfskraftkünste auch jenseits des Studiums spielen zu lassen, der*die weiß: Die erste Recherche zum freien Lektorat kann überfordernd sein. Zwar scheint das Internet voller Möglichkeiten, über Agenturen und Webseiten erste Aufträge zu ergattern. Häufig ist dieser Weg aber auch enttäuschend. Zunächst Unbedarfte merken schnell, dass sie für ihre qualifizierte Arbeit und die dafür ver(sch)wendete Zeit nicht fair entlohnt werden.

Der erste und vielleicht wesentlichste Schritt in die Welt des selbstständigen Lektorats mag daher sein: Erkennt den Wert eurer Arbeit. Dabei geht es erst einmal nicht um die Frage, welches Honorar ihr pro Seite Lektorat verlangen könnt (auch wenn das ein Folgeschritt ist). Erst einmal ist es essenziell, sich bewusst zu machen, als selbstständige*r Lektor*in nicht einfach eine etwas teurere Hilfskraft zu sein. Insbesondere das selbstständige Lektorat hat den Fallstrick, dass viele von uns „aus Versehen“ diesen Weg einschlagen. Es wird ein erster Auftrag angenommen, der läuft gut, vielleicht wird man weiterempfohlen, es folgen weitere Aufträge. Irgendwann schafft man sich eine Website an, schreibt eine Steuererklärung, aber die bewusste Entscheidung „Ab heute bin ich Lektor*in“ fällt und fällt nicht. Das hat zur Folge, dass wir den Wert unserer Arbeit möglicherweise unterschätzen und uns kleinmachen. Und das ist nicht nur frustrierend, sondern schränkt uns persönlich und die Entwicklung unserer Arbeit in ihren Möglichkeiten ein. Es ist wichtig sich klarzumachen: In den meisten Fällen haben wir, die wir diesen Weg einschlagen, mehrere Jahre studiert. Wir haben uns Wissen, Erfahrung, Können und damit eine Qualifikation erarbeitet. Wir lernen mit jedem Auftrag weiter, können uns fortbilden und spezialisieren. Wir sind Lektor*innen.

Vom ersten Einblick ins Lektorat über die ersten kleinen Aufträge zur erfolgreichen Selbstständigkeit sind es viele Lernschritte und noch mehr Fragen: Welche unterschiedlichen Formen des Lektorats kann ich anbieten? Welche Bereiche kann ein Lektorat außerhalb der Textbetreuung umfassen? Sollte ich mich spezialisieren oder durch die Bandbreite hindurch alles lektorieren, was mir unter den Rotstift kommt? Was ist ein fairer Lohn? Wie berechne ich den? Wie stehe ich dafür ein? …

Am Anfang der Suche nach Antworten auf all diese wesentlichen Fragen finden wir uns im Dschungel wieder. Hier und dort erhascht man aber auch gebündelte Informationen. Auf unserer Seite beantworten wir praktischen Fragen nach Kosten eines Lektorats und Buchseitenberechnung für mögliche Kund*innen – durchaus eine wichtige Perspektive, die es sich bei der ganz persönlichen Beantwortung der Frage nach Bezahlung einzunehmen lohnt. Wer sich ausführlich mit dem ABC des freien Lektorats von Akquise zu Zahlungseingang vertraut machen will, die*der kann sich durch den Leitfaden Freies Lektorat des Verbands der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) lesen. Und solltet ihr Bekannte oder Freund*innen haben, die einen ähnlichen Weg eingeschlagen haben, zögert nicht, ihnen eure Fragezeichen anzuvertrauen.

Dies scheint in jedem Fall das A und O der ersten Phase der Selbstständigkeit zu sein: Pflegt eure Kontakte! Dabei geht es nicht darum, euer Umfeld nach möglichen Aufträgen auszusaugen. Vielmehr ist es euren Wegbegleiter*innen sicherlich eine Freude, einen vertrauensvollen Namen für einen guten Job parat zu haben und euch damit gleichzeitig unterstützen zu können. Daneben solltet ihr auch eure Fühler nach neuen Netzwerken ausstrecken. Der VFLL liegt als erste Anlaufstelle auf der Hand, aber auch andere, auf eure persönliche Situation zugeschnittenen Netzwerke können hilfreich sein, wie z. B. die MomPreneurs für selbstständige Mütter.

Das selbständige Lektorieren ist – wie jede freiberufliche Tätigkeit – ein Spagat zwischen dem Risiko des Prekariats und der freien Entfaltung. Anders als im Angestelltenverhältnis seid ihr euer*eure eigene*r Chef*in, mit all den Vorzügen und Einbußen, die damit einhergehen. Beim Lektorieren könnt ihr, insbesondere wenn ihr fachfremd lektoriert, einen Blick von außen einnehmen, den Text mit Abstand betrachten und bearbeiten. Zugleich fallen aber auch einige Annehmlichkeiten eines Angestelltenverhältnisses weg, angefangen von Krankenkassenbeiträgen bis zum gecancelten Auftrag, weil die Herbstgrippe dazwischenkam. Schlussendlich ist die Frage „Freies Lektorat oder nicht?“ wohl eine Typfrage, aber nicht nur. Die Antwort auf diese Frage ist auch abhängig von eurer persönlichen Situation und den ganz spezifischen Rahmenbedingungen, die euer Leben definieren. Am Ende zählt, dass es euch bereichert, Texte Anderer kritisch und wohlwollend zu lesen. Fragen zu stellen und Gedanken zu formulieren, die den Autor*innen bei der weiteren Arbeit am Text helfen sollen. So lange an Sätzen zu feilen, bis sie rund sind. Willkommen im Dschungel!

Von Pia Vogel und Jonas Mirbeth, 2021

Dieser Artikel wurde am 06. August 2021 als „Griff zum Rotstift. Wege ins Wissenschaftslektorat“ im Magazin von OpenD, der Open-Access-Publikationsplattform für Promovierende, erstveröffentlicht. Die leicht überarbeitete Zweitveröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung.