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Open Access

Open Access als Antwort auf den Publikationsdruck?

Mit Einträgen im Kritischen Wörterbuch Open Access beginnen wir die Diskussion zu den Herausforderungen und Chancen, die sich hinter dem Begriff open access (freier Zugang) verbergen. Dies ist ein solcher Eintrag. 

Wesensmerkmal der Wissenschaft ist, dass ihre Erkenntnisse überprüfbar sein müssen. Dazu werden diese Erkenntnisse publiziert und einer kritischen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Alle Veröffentlichungen zusammen ergeben die Publikationsliste einer Person in der Wissenschaft. Diese Liste stellt eine der Grundvoraussetzungen zur Weiterqualifikation für eine Professur dar. Der Wettbewerbsdruck an Wissenschaftler*innen ist entsprechend hoch. Bei rund 92% befristet Beschäftigten in der Wissenschaft stellt sich jedoch die Frage: Wer kann gut veröffentlichen mit befristeten Verträgen, prekären Vertretungen oder unbezahlten Privatdozenturen?

Zu unserem Blogbeitrag, der die jüngste Debatte dazu darstellt, gelangt ihr hier

Die Pandemie hat zudem offen gelegt, wie gerade junge Wissenschaftler*innen durch den Publikationsdruck belastet werden. Da dieser Druck auch in absehbarer Zukunft nicht abnehmen wird, decken wir die Strukturen dahinter auf. Der Diskurs zu Open Access bildet hierzu seit längerem die Fluchtlinie einer Diskussion über Alternativen zum gegenwärtigen Publikationssystem. Kann Open Access also eine Antwort auf den Publikationsdruck sein?

Was ist mit Publikationsdruck gemeint? 

Ausschlaggebend im Bewerbungsprozess um Postdoc-Stellen und Professur sind Reputation und Sichtbarkeit in einem bestimmten Forschungsbereich. Den Druck, sich hierzu insbesondere durch eine große Anzahl an Publikationen durchzusetzen, verspüren zunehmend bereits Menschen während und kurz nach der Promotion. Nicht selten gilt bei Bewerbungen um Postdoc-Stellen inzwischen bereits eine detaillierte Publikationsliste als ‚von Vorteil‘. Eine solche Verlagerung zu einem immer Mehr und immer Früher an Veröffentlichungen erzeugt Druck. 

Was ist Reputation und Sichtbarkeit der eigenen Forschung? 

Für die Reputation und Sichtbarkeit ist immer noch entscheidend, bei einschlägigen Verlagen, in renommierten Zeitschriften zu veröffentlichen. Damit wird deutlich, dass der Publikationsdruck des Mittelbaus nicht losgelöst von der Rolle gedacht werden kann, welche die Verlage in der Frage von Wissenschaftskarrieren spielen.

Die Reputation bestimmter Verlage ergibt sich aus ihrer historisch gewachsenen Position auf dem Wissenschaftsmarkt und ihren für lange Zeit essenziellen Dienstleistungen für den Wissenschaftsbetrieb. In das Programm eines großen Verlags aufgenommen zu werden, bedeutet auch heute noch weitreichende Sichtbarkeit. 

In Zeiten zunehmend digitaler Veröffentlichungen stellt sich jedoch die Frage von Reputation und Sichtbarkeit grundlegend neu. Gerade Open Access-Publikationen, die aufgrund ihrer fehlenden paywalls für Endnutzer*innen sehr attraktiv sind, besitzen naturgemäß eine größere Reichweite. 

Reichweite bedeutet jedoch nicht gleich Sichtbarkeit. Dr. Christina Riesenweber vom Center für Digitale Systeme (Freien Universität Berlin) bemerkt, dass Sichtbarkeit im Programm eines renommierten Verlages und in einschlägigen Datenbanken ein entscheidender Grund dafür ist, weshalb sich Autor*innen gegen die Veröffentlichung in konzern-unabhängigen Open Access-Zeitschriften entscheiden. So erhöht nach wie vor ein bekannter Verlagsname die Chancen auf eine der wenigen unbefristeten Anstellungen an einer tertiären Bildungseinrichtung. 

Ein erstes Fazit: 

Die aufgrund des Publikationsdrucks notwendige Reputation und Sichtbarkeit der eigenen Forschung ist also geknüpft an die vorherrschenden Produktionsbedingungen des akademischen Publikationssystems in seiner gegenwärtigen Art und Weise. 

Exkurs: Was ist über die Produktionsbedingungen zu sagen? 

Den Verlagen kommt eine doppelte Monopolstellung zu: erstens gegenüber den individuellen Wissenschaftler*innen, zweitens gegenüber den Institutionen, die den Zugang zu diesen Publikationen erwerben (sprich Universitäten, Forschungsinstitutionen sowie Individuen). 

Neben dem i.d.R. fälligen Druckkostenzusschuss übernehmen wissenschaftliche Mitarbeiter*innen die Herausgabe und Qualitätssicherung (peer review) von (meist öffentlich finanzierten) Tagungs- und Sammelbänden: Sie lektorieren, lesen Korrektur, recherchieren und übernehmen auch einmal gleich Satz und Layout. Verlage tragen diese Kosten oft nicht. 

Auch die Universitäten befinden sich meist in einer alternativlosen Situation; den Erwerb aktueller Forschungsliteratur müssen sie trotz hoher Kosten sicherstellen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Zeitschriften- und Reihenabos sowie der Kauf von Literatur in groß-geschnürten Paketen binden die Institutionen an die Konditionen, die die Verlage bestimmen. Selbst internationale Spitzenuniversitäten mit großem Budget stoßen dabei an Grenzen, wie es der Fall der Harvard University bereits 2012 zeigte, die den Erwerb von Zeitschriftenabos aufgrund der gestiegenen Abo-Preise nicht mehr gewährleisten konnte. 

Großverlage profitieren somit gleich zweimal von öffentlich finanzierter Forschung: die Einforderung eines Druckkostenzusschuss von den Autor*innen und den anschließenden Verkauf der Publikation an Forschungsinstitutionen. Sie erzielen Gewinne, die durch prekär-befristet angestellte Wissenschaftler*innen erbracht werden. 

Zu einer Liste konzern-unabhängiger Verlage, die auch wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichen, gelangt ihr hier

Wie wird Reputation und Sichtbarkeit gegenwärtig bestimmt? 

Im gegenwärtigen Publikationssystem wird der Einfluss einer Zeitschrift durch die Häufigkeit der Zitation seiner Artikel in anderen Zeitschriften bestimmt. Man spricht vom sogenannten Journal Impact Factor. Der Impact-Faktor dient dem wissenschaftlichen Vergleich und ist kein Maß für die Qualität der Artikel einer Zeitschrift. In der Praxis wird die Anzahl, wie oft Veröffentlichungen durchschnittlich pro Jahr zitiert werden, dennoch häufig für die Beurteilung von Publikationsleistungen herangezogen. Auf diese Weise erzeugt der Impact-Faktor die gegebene Verzerrung von Reputation und Sichtbarkeit. 

Ein zweites Fazit: 

Lasst uns darüber nachdenken, was wertvolle Forschungsbeiträge ausmacht. Dies ist nicht unbedingt durch die von Monopolstellungen geförderten Download-Zahlen eines Artikels bestimmt. Vielmehr sollte eine inhaltlich-kritische Auseinandersetzung an erster Stelle stehen. Riesenweber hebt hervor, dass Teil der Open Access-Community aktiv daran arbeitet, „neue Qualitätsmerkmale zu etablieren, um vom irreführenden Impact Factor weg zu kommen“. Mit Blick auf ein faires Publikationssystem in der Wissenschaft plädiert die Philosophin Dr. Amrei Bahr dafür, Arbeitsleistungen zu bündeln und die Verwertung und Verbreitung der Resultate selbst zu erledigen, anstelle diese aus der Hand zu geben. 

Erfahrt mehr über unsere Arbeit über die Kategorien NewsOpen AccessWissen und Rechte.

Welche Lösungsmöglichkeiten bietet Open Access?  

Aus der öffentlichen Hand geförderte Forschung frei zugänglich zu publizieren – dieses Ideal wird oft mit Open Access assoziiert. In der Realität bestätigen Förderpraktiken von Open Access-Publikationen jedoch vielfach bestehende Strukturen und Abhängigkeitsverhältnisse. So kritisiert Riesenweber im Interview mit Wikimedia

„Der Markt hat sich leider zu großen Teilen an den big playern ausgerichtet. […D]ie Wissenschaft hat sich dazu entschieden, die Töpfe zuerst mit den Marktführern zu teilen, die nach wie vor ihre Macht ausnutzen, um die Preise zu diktieren. Am Beginn von Open Access stand die Idee, sich aus der ökonomischen Zange der Wissenschaftsverlage zu lösen. Das ist nicht passiert. Es ist nicht so, dass kleinere und mittlere Open-Access-Verlage der Reihe nach pleite gingen. Aber sie haben nach wie vor Schwierigkeiten, sich dem Markt anzupassen.“ 

An der Situation des Publikationsdrucks für Wissenschaftler*innen ändert Open Access also zunächst einmal nichts. Es ist weiterhin so, dass ihre, d.h. unsere editorische Arbeit an Texten unentgeltlich geschieht. Bahr schreibt auf Twitter

„So verschiebt sich das Problem, zumal auch OA-Gebühren oft aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden. Gemessen an einem Modell, in dem viele Unis teure Abos bezahlen, mag diese einmalige Zahlung zwar besser sein. Allerdings ginge es noch viel besser: Wenn Erstellung und Qualitätssicherung in großen Teilen von der Wissenschaftscommunity selbst geleistet werden, kommen wir auch ohne Verlage aus, die das System ausnutzen: durch Publikation in Universitätsverlagen sowie in Verlagen, die angemessene Leistungen erbringen.“

Entscheidend ist es also, mehr Autonomie über veröffentlichte wissenschaftliche Inhalte zu erlangen. In einem anderen Twitter-Beitrag spricht sich Bahr gegen die Tradition aus, ausschließlich in renommierten Verlagen zu publizieren. Jede*r Einzelne kann durch die Veröffentlichung in alternativen (Open Access-)Publikationsorten einen Teil dazu beitragen, dass diese mehr Akzeptanz finden und die Monopolstellung der großen Verlage gebrochen wird. 

Zugleich handelt es sich dabei um ein strukturelles Problem. Riesenweber sieht mehr Nachhaltigkeit im Publikationssystem nur durch eine langfristige Infrastruktur-Unterstützung von Open Access und eine gezieltere Förderung von Verlagen ermöglicht, die nicht bereits einer der Marktführer in Monopol-Funktion sind. 

Wie kann Open Access eine Antwort auf den Publikationsdruck sein? 

Wirkliche Überwindung des Publikationsdrucks ist also durch Open Access an sich nicht erreicht. Zu sehr offenbaren sich die strukturellen Probleme des Wissenschaftssystems: Anstelle wettbewerbsoffene und zugleich langfristig planbare Berufswege für Wissenschaftler*innen zu ermöglichen – bei dem die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen nicht an die Sicherung der nächsten befristeten Stellenfinanzierung geknüpft ist – beschäftigt es weiterhin mehr als 90% seiner Angestellten in prekärer Befristung. In der jüngst veröffentlichten Studie „Personalmodelle für Universitäten in Deutschland“ des Netzwerks für Gute Arbeit in der Wissenschaft werden erstmalig auf Basis von Zahlen Alternativen zur prekären Beschäftigung in Form eines Lecturer-Modells mit verstetigten Stellen bzw. eines Tenure Track-Systems aufgezeigt. Nun ist es an der Politik, zu handeln. 

Jedoch auch unterhalb dieser strukturellen Ebene bewegt sich viel. Es werden Arbeitskreise und Initiativen gegründet. Menschen in der Wissenschaft schließen sich zu Vereinigungen und Verbänden zusammen. Eine solche ist bspw. die Fokusgruppe „scholar-led.network“, die unter dem Schirm des Netzwerk Open Access „einen Ort für in Eigenregie verlegte Zeitschriften und Herausgeber*innen-Kollektive gebührenfreier, von Großverlagen unabhängiger Publikationsprojekte bilden“ soll. Im Mai findet bereits das nächste Arbeitstreffen (online) statt. Das Directory of Open Access Journals und das Directory of Open Access Books führen Open Access-Zeitschriften und -Bücher. Open Access wirft neue Zugangs- und Verteilungsfragen im akademischen Publikationssystem auf. Begreifen wir sie als das, was sie sind: Fragen der Mitbestimmung!

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